Veranstaltungsreihe mit Alexander Rabinowitch

Der amerikanische Historiker Alexander Rabinowitch gehört zu den weltweit führenden Experten der Geschichte der Russischen Revolution, darüber hinaus zu den letzten Granden der sogenannten narrativen Geschichtsschreibung. Wie die Lektüre seiner Werke versprechen seine Vorlesung und die anschließende Diskussion mit ihm an der Humboldt-Universität Berlin tiefe historische Einblicke und eine anregende wissenschaftliche Diskussion.

Rabinowitch, der einer russischen Emigrantenfamilie entstammt, lernte in seinem Elternhaus historische Figuren kennen wie den letzten Ministerpräsidenten der Provisorischen Regierung, Alexander Kerenski, und den Führer der Menschewiki, Irakli Zereteli, die beide der Bolschewistischen Partei feindselig gegenüberstanden.

Wie kein anderer geht Alexander Rabinowitch seitdem der Frage nach: Was war die Russische Revolution wirklich – Putsch oder siegreiche Massenerhebung? Drei umfangreiche wissenschaftliche Werke widmete er dieser Frage. Sein Klassiker „The Bolsheviks Come to Power“ (1976) gilt in der Fachwelt als Standardwerk.

In Berlin stellt Alexander Rabinowitch sein neues Buch vor, das vor wenigen Wochen vom Mehring Verlag auf Deutsch herausgebracht wurde: „Die Sowjetmacht – Das erste Jahr“. Es ist das Ergebnis einer sich über mehr als vier Jahrzehnte erstreckenden Forschung, die seit 1991 die Archive der ehemaligen sowjetischen Partei und Regierung und seit 1993 auch die des Geheimdiensts einschloss.

Vier Themenbereiche stehen im Zentrum:

• die Auseinandersetzung um die Bildung einer revolutionären Regierung auf dem Gesamtrussischen Sowjetkongress

• die Konflikte um die Auflösung der Konstituierenden Versammlung

• die diplomatischen Verhandlungen zum Frieden von Brest-Litowsk und die leidenschaftlichen politischen Debatten zwischen den Anhängern und Gegnern dieses bedrückenden Vertrages mit dem deutschen Kriegsgegner

• die Anfänge des Weißen Terrors, der von außen und innen gesteuerten Mordanschläge und Verschwörungen gegen die neue Regierung, welche als Verteidigungsreflex den Roten Terror auslösten.

Wie sein Gesamtwerk zeichnet sich auch diese Arbeit von Alexander Rabinowitch dadurch aus, dass sie im Gegensatz zur Geschichtsschreibung des Kalten Krieges nicht vorgefasste Geschichtsinterpretationen wiederkäut, sondern eine beispiellose Fülle an Archivmaterial und anderen Quellen mit größter Sorgfalt erschließt und auswertet. Das macht ihren hohen wissenschaftlichen Wert aus. Hinzu kommt, dass er der leider fast ausgestorbenen Hohen Schule der narrativen Geschichtsschreibung angehört, welche die gewonnenen Erkenntnisse in einem sehr anschaulichen, verständlichen Erzählstil darlegt.

Gegen Mythen und Propaganda

Diese der Rekonstruktion der historischen Wahrheit verpflichtete Geschichtswissenschaft wird von Vertretern postmodernistischer Anschauungen erbittert bekämpft. Für sie gibt es keine objektive Wahrheit, keine Ursache-Wirkung-Beziehung in der Geschichte. All dies gehört in ihren Augen ins Reich rein subjektiver Anschauungen und intersubjektiver Konventionen. Unbelegte Behauptungen oder sogar Verleumdungen und auch die Verfälschung von Quellen lassen sich bei dieser Konzeption von Geschichte problemlos in das Arsenal geschichtswissenschaftlicher Methoden aufnehmen.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Rabinowitch ein unerschütterlicher Anhänger der dokumentengestützten Geschichtsschreibung. Seit Jahrzehnten arbeitet er systematisch und unermüdlich in Archiven. Jedes Detail seiner Darstellung ist belegt durch überprüfbare Dokumente wie Sitzungsprotokolle, persönliche Notizen oder Aussagen von Zeitzeugen oder Akteuren des Geschehens, Zeitungsberichte, Briefe usw. Seine Leidenschaft als Historiker besteht darin, die dramatischen Ereignisse im revolutionären Petrograd der Jahre 1917/18 so detailgenau und wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen. Sein Credo lautet: „Herausfinden wie es wirklich war.“

Sein reichhaltiges dokumentarisches Belegmaterial und seine daraus abgeleiteten Thesen untergraben die hierzulande vorherrschenden Interpretationskonzepte, wonach die Oktoberrevolution nichts weiter war als der Putsch einer kleinen revolutionären Verschwörerbande unter der Führung von Lenin und Trotzki. Im Vorwort seines jüngsten Buches heißt es:

„Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Oktoberrevolution in Petrograd weniger eine militärische Operation war, sondern eher ein allmählicher Prozess auf dem Boden einer in der Bevölkerung tief verwurzelten politischen Kultur sowie einer weit verbreiteten Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Februarrevolution, kombiniert mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft der Versprechen der Bolschewiki – sofortiger Friede, Brot, Land für die Bauern und Basisdemokratie durch Mehrparteiensowjets.

Diese Interpretation warf allerdings ebenso viele Fragen auf, wie sie beantwortete. Wenn der Erfolg der bolschewistischen Partei 1917, soviel schien klar, wenigstens zum Teil ihrem offenen, relativ demokratischen und dezentralisierten Charakter und Handeln zu verdanken war, wie war dann zu erklären, dass sich diese Partei so schnell in eine der am stärksten zentralisierten und autoritärsten politischen Organisationen der Neuzeit verwandelte?“

Diese Thesen und Fragestellungen dürften ein Grund sein, weshalb es interessierten Lesern in Deutschland bisher sehr erschwert worden war, sich mit den Arbeiten von Prof. Rabinowitch vertraut zu machen. Keines seiner Bücher ist von einem deutschen Großverlag übersetzt und veröffentlicht worden, selbst Rezensionen in der Fachwelt finden sich kaum.

Der Mehring Verlag freut sich, dieses Tabu brechen und dem deutschen Publikum die Gelegenheit bieten zu können, Prof. Alexander Rabinowitch persönlich zu hören und mit ihm zu diskutieren. Er spricht auf mehreren Veranstaltungen in Berlin, präsentiert die Ergebnisse seiner jüngsten Forschung, beantwortet Fragen und stellt sich den Argumenten seiner Kritiker.

Veranstaltungen mit Professor Alexander Rabinowitch

Zu den drei Veranstaltungen von und mit Professor Rabinowitch ist jeder eingeladen, der wissen will, „wie es eigentlich war“; jeder, der interessiert ist an den großen sozialen Umwälzungen und politischen Debatten der Oktoberrevolution, aber auch an ihrer anschließenden Isolation, an dem damit verbundenen tragischen politischen Niedergang und dem Aufstieg des stalinistischen Terrors, der 70 Jahre später zur vollständigen kapitalistischen Restauration führen sollte.

14.10.2010, 19 Uhr: Vorlesung an der Humboldt Universität

Prof. Alexander Rabinowitch
»Die Sowjetmacht. Das erste Jahr«

An der Humboldt Universität zu Berlin wird Alexander Rabinowitch sein Buch "Die Sowjetmacht - das erste Jahr" vor- und zur Diskussion stellen.

Ort: Humboldt Universität zu Berlin, Hörsaal 7, Invalidenstr. 42 (neben Naturkundemuseum, U6)

15.10.2010, 20 Uhr: Buchvorstellung bei Unibuch Mitte

Im Buchladen Unibuch Mitte wird Alexander Rabinowitch sein neues Buch vorstellen und signieren.

Ort: Unibuch Mitte, Spandauerstr. 2

16.10.2010, 14 Uhr: Workshop an der Technischen Universität

In diesem Workshop stellt sich Prof. Alexander Rabinowitch noch einmal den Fragen seiner Leser. Die Veranstaltung trägt eher Seminarcharakter. Die Lektüre des Buches »Die Sowjetmacht – das erste Jahr« wird vorausgesetzt. Eine Anmeldung über unser Anmeldeformular ist erforderlich.

Ort: Technische Universität Berlin, Straße des 17. Juni 135